Freie Bildung: In Widersprüchen Denken und Handeln

Philip Taucher (GBW-Wien / ehemals ÖH Uni Wien bzw. Projekt keine_uni)

In Widersprüchen Denken und Handeln

In Widersprüchen Denken und Handeln

Die Widersprüche der alltäglichen Welt in der wir leben hören nicht vor dem Klassenzimmer, Vorlesungssaal, Workshopraum, oder Lesezirkel auf: Bildung ist widersprüchlich und wer sich (mit anderen) bilden will, muss in der Praxis Wege finden diese Widersprüche (für eine gewisse Zeit) aufzulösen. Indiesem Workshop wird es darum gehen unsere Sicht auf zentrale Widersprüche unserer Bildungserfahungen zu schärfen und Lösungsmöglichkeiten im Sinne einer “freien Bildung” zu sondieren. Es werden dabei Erfahrungen der TeilnehmerInnen genauso Platz finden wie ein Blick auf unterschiedliche Projekte, die schon länger versuchen “freie Bildung” zu praktizieren.

In Widersprüchen Denken und Handeln

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Für mehr Informationen über das Thema den Vortragtext: In Widersprüchen Denken und Handeln downloaden oder einfach weiterlesen.

Wie einleitend erwähnt, geht es in diesem Workshop darum, Bildung, freie Bildung, in ihren Widersprüchen zu fassen. Wenn wir uns der eigenen Erfahrungen mit Bildung bzw. freier Bildung erinnern, spielen darin wohl auch Widerstände, Unvereinbarkeiten, und der Unterschied zwischen unserem Denken, unseren Ideen, Prinzipien und dem, wie wir dann wirklich handeln eine wichtige Rolle. Diesem widersprüchlichen Aspekten von freier Bildung werden wir heute gemeinsam nachspüren.

Ziel dieses kurzen Inputs ist es, das Nachdenken über Bildung in Widersprüchen ins Rollen zu bringen. Ich werde jedoch keine Lösungen für Widersprüche anbieten. Solchen werden wir dann später in Kleingruppen diskutieren. Was wir unter freier Bildung verstehen, dem sind wir in unseren Dialogen am Anfang des Workshops nachgegangen. Ich will nun einige Widersprüche ansprechen, die sich aus meiner Perspektive auf Freie Bildung im Denken und Handeln ergeben.

Perspektive auf Freie Bildung im Denken und Handeln ergeben.  Um verständlich zu bleiben, muss ich einige Schlaglichter vorausschicken, was ich unter freier  Bildung im weitesten Sinne verstehe.  Freie Bildung bedeutet für mich einen Prozess, in dem man sich selbst und die Welt, in der wir leben, in kritischer Weise erkennen lernt. Es ist eine gleichzeitig Tätigkeit, die uns ermächtigt unsere Welt kompetent mitzugestalten. Freie Bildung bedeutet für mich die geistigen und praktischen Fähigkeiten der Menschen zu vermehren. Freie Bildung ist für mich auch ein Prozess an dem alle gleichberechtigt teilhaben.

In Widersprüchen Denken und Handeln

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Die Entstehung des modernen Bildungssystems in Österreich stand jedoch unter anderen Vorzeichen. Am 6. Dezember 1774 unterzeichnete Maria Theresia die ,,Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämtlichen kayserlichen königlichen königlichen Erbländern”. Damit brach sie mit dem Jahrhunderte währenden Bildungsmonopol der Kirchen. Mehr oder weniger zur gleichen Zeit schuf sie damit im Habsburgerreich die Folter ab und die Unterrichtspflicht ein. Unmittelbarer Hintergrund war der militärisch mit Friedrich dem Großen
von Preußen ausgetragene Erbfolgestreit um die deutsche Kaiserkrone. Entsprechend wurden die späteren Volksschulen damals ,,Wehrertüchtigungsanstalten” genannt.

Wir standen am Beginn der Moderne. Die Bevölkerung wuchs, die Städte mit ihr. Feudale Produktionsverhältnisse verloren am Land an Bedeutung, Manufakturen entstanden in den Städten. Statt feudalen Fleckerlteppichen bildeten sich zentralisierte Nationalstaaten heraus. Diesem Nationalstaat entsprach ein möglichst homogener Volkskörper – die Nation. Diese neuen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse waren auch mit neuen staatlichen Institutionen verbunden.

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Disziplin war angesagt. Der Pöbel wurde durch die entsprechenden Disziplinierungs-Institutionen geschickt. Am Anfang stand die Schule, dann kam das Heer, die Fabrik, das Gefängnis, die Klinik. Es wurde heftigst am neuen Volkskörper gebastelt. Aus der Masse wurden Individuen herausgetrennt, überwacht, geprüft, beurteilt, behandelt, bestraft. Genaue Verhaltens-, Raum- , Zeit- und Bewegungsordnungen wurden durchgesetzt. Die Bäurin, die Arbeiterin, der Beamte sollten zu Bürgern einer Nation werden, mit einer Nationalsprache, einer Verwaltung, einem Heer, einer Polizei, einem Monarchen, einem Gesetz. Die Schule war eine zentrale Institution in dieser Disziplinarordnung.

Dieses System wirkt bis heute nach. In den österreichischen Schulen wurde bis vor ein paar Jahren nach dem exakt gleichen Minutentakt (50 min Unterricht, 5 min. Pause) unterrichtet, wie er noch unter Maria Theresia eingeführt wurde. Prüfungsordnungen, Raumpläne für Klassen…,  Schulordungen haben sich hartnäckig gehalten. Und die Schule erfüllt neben anderen noch immer ihren ursprünglichen Zweck der Disziplinierung des Volkes.

Besonders die Kinder der Kriegsgeneration lehnten sich in den 1960ern und 1970ern gegen diese Disziplinarordnung auf. Gegen Pflichterfüllung, verkalkte, beengende Strukturen wurde angekämpft – Der Feind war die alte Ordnung. Freiräume wurden erkämpft, mitunter auch Strukturen und Praktiken von Institutionen verändert. Unzählige Experimente alternativer antiautoritärer Bildung entwickelten sich. Politische Gruppen organisierten sich. Disziplin wurde in manchen Kreisen zum Synonym für Unterdrückung, zum Symbol für die alte Ordnung, die es zu überwinden galt. Laizzes faire war in verschiedensten Kontexten ein Leitbegriff- auch als Organisationsweise von Gruppen und alternativen Bildungsinitiaiven. Die absolute Tabuisierung von Disziplin wurde jedoch oft zum Hemmnis für die Organisationsarbeit, die nötig war um
gemeinsame politische Ziele zu erreichen, nämlich die alte disziplinäre Ordnung zu zerstören. Wie könne man die autoritäre Gesellschaftsordnung überwinden, wenn man in seinen eigenen Praxen an der Diszipliniertheit fest hält, war und ist, nach wie vor, ein oft verwendetes und durchaus plausibles Argument.

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Die damaligen Bewegungen hatten Erfolg, die alte Ordnung brach an vielen Stellen nachhaltig auf. Gerade auch die weitgehenden Reformen im Bildungssystem in den 70ern können dafür als Beleg herangezogen werden. (Der Wandel der Produktionsweise in dieser Zeit, darf als Ursache nicht vergessen werden, jedoch ist auch dieser mitunter ein Produkt gesellschaftlicher Kämpfe.)

Meine erste widersprüchliche These: Es braucht Disziplin, um Disziplin wirksam bekämpfen zu können. Gerade jene Bewegungen, wie die feministische Frauenbewegung, die am diszipliniertesten/konsequentesten kämpfte, schafften es schlussendlich die alte Disziplinarordnung punktuell aufzubrechen.

Die Machtverhältnisse wandelten sich teilweise, manchmal äußerten sie sich die alten Machtverhältnisse in neuem Gewande. Frauen und Kinder aus Mittel- und Unterschicht gewannen zunehmend Zugang zu höherer Bildung. Neue soziale Bewegungen entstanden, in denen alternative Bildungspraktiken eine wichtige Rolle spielten (z.B. Ökologie- und Friedensbewegung…). Forderungen wie Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung, Eigenverantwortung statt Entmündigung, Emanzipation statt Unterordnung schienen sich langsam zu erfüllen. Frauen z.B. kamen im Bildungssystem weiter, drangen vermehrt auf den Arbeitsmarkt, konnten ihrer Stimme in der Öffentlichkeit immer mehr Gewicht verleihen. Diese Veränderungen waren Teil des Wandels vom in die Krise geratenen fordistischen Gesellschaftsmodell zu einem Postfordismus. Im dem Maße wie sie Zeichen von Befreiung waren, verwiesen sie jedoch auch auf neue  Herrschaftsverhältnisse. Heute sind Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Emanzipation
Qualitäten, die eine jede gute ICH-AG aufweisen muss, um das eigene Kapital (d.h. Die eigene Arbeitskraft) möglichst wertvoll investieren (d.h. verkaufen) zu können. Die Unternehmerin ihrer selbst ist das heutige domestizierte Pendant zur Rebellin der 1970er . Nach wie vor gibt es natürlich politisch aktive, kritische Bildung fördernde Gruppen, vor allem an den Universitäten. Und sie sind wichtig! Ja ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass die in solchen Gruppen aktiven jene Fähigkeiten erlernen, die sie später im bedingungslosen Wettkampf als Ich- UnternehmerInnen zum Überleben brauchen. Bildung wird somit Waffe gegen die Nächste/n – nicht für den gemeinsamen Kampf um eine bessere Welt. Gleichzeitig wird jenen, früher in Bewegungen organisierten, politischen Bildungsprojekten mit ihrer Institutionalisierung oft der politische, kritische Gehalt entzogen. Statt Banden bilden wir bei Bildungsveranstaltungen heute persönliche Netzwerke. Aus alternativen Schulprojekten werden teure Privatschulen usw…

Meine zweite widersprüchliche These lautet also: Gerade die Forderungen der sozialen Bewegungen nach Befreiung werden zunehmend umgedeutet und in Institutionen eingebettet als Herrschaftsinstrumente gegen die Bewegungen verwendet.

Hervorragend lässt sich dieser Widerspruch auch an neuen Formen der Zertifizierung von Wissen ablesen. Auf europäischer wie auf nationaler Ebene werden Bildungssysteme wie Formen der Zertifizierung von Wissen zunehmend abgestimmt. EUROPASS ist z.B eine Initiative der  Europäischen Union, um eine einheitliche Form des Lebenslaufes zu etablieren. In einem umfangreichen Dokument können neben offiziellen staatlich anerkannten Bildungstiteln auch bestimmte informell erworbene Kenntnisse, sowie Sprachkenntnisse, Job- und Praktikaerfahrung in standardisierter Form angegeben und beglaubigt werden. Endlich kann man sein politisches Engagement neben der Uni auch später noch gewinnbringend einsetzen, scheint die Initiative auf dem ersten Blick zu versprechen . Achtung nicht so schnell: Die letzte Hausbesetzung, der kritische Lesekreis, die Demoorganisation, haben auch in solch einem Lebenslauf keinen Platz.

Im Wesentlichen werden Berufspraktika, Sprachkurse usw. angerechnet. Doch nicht nur das: Sie werden gleichzeitig zur Norm stilisiert. Wer nur einen simplen offiziellen Bildungsabschluss hat, gilt als weniger attraktiv für die ArbeitgeberIn. Man sollte sich dementsprechend auch für seine Freizeit überlegen, welche Tätigkeiten später am besten am Arbeitsmarkt verwertbar sein werden. Der Ruf vieler kritischer Bildungsinitiativen gegen eine solche Verwertungslogik und die entsprechende Ablehnung von Zertifikaten für Aktivitäten in ihrem Rahmen, führt dann oft zu schwindender Beteiligung bei ihren Aktivitäten. Die jungen Menschen können es sich einfach nicht leisten, etwas zu machen, dass nicht im Lebenslauf verwertbar ist. Wenn man schon kein Geld mehr für seine Arbeit bekommt, muss man über Zertifikate seine Chancen auf zukünftiges Geld optimieren.

Zertifikate (spezifischer Bildungsabschlüsse) sind die Währung, in der kulturelles Kapital gehandelt wird. Kulturelles Kapital umfasst das Wissen, die Fähigkeiten, kulturelle Praktiken, Gepflogenheiten, die im täglichen Statuskampf eingesetzt werden. Anerkannte Bildungsinstitutonen vergeben diese Zertifikate und steuern damit den Handel mit den Zertifikaten und in Folge den Kampf um Statuspositionen in der Gesellschaft. Wer nicht sozial absteigen will, braucht diese Zertifikate.

Meine dritte widersprüchliche These: Wer den Kampf gegen die Verwertungslogik im Bildungssystem über alternative freie Bildungsinitiativen angehen will, ist auf lange Sicht selbst oft dazu angehalten anerkannte Zertifikate zu produzieren oder zugänglich zu machen. (Anm. Zu Lösungen mit Bezahlung und Zeit über ausnützung bürokratischer Lücken und freiräume, erst später kommen) Daran möchte ich gleich meine vierte und letzte widersprüchliche These anschliessen:  Obwohl es Ziel freier Bildung ist (sein sollte) niemanden zu diskriminieren und auszugrenzen, möglichst alle Bevölkerungsgruppen einzubinden, ist heute stärker noch als früher freie Bildung bei uns ein Projekt einer weißen, männlich dominierten Mittelschicht.

Der Kampf um Zertifikate ist, wie der um Freiraum, für nicht-verwertungsorientierte Bildung ein ungleicher Kampf. Er findet in einer patriachalen Klassengesellschaft und in einer nationalstaatlichen Ordnung statt. Die Chancen auf begehrte Bildungsabschlüsse und die Zeit für freie Bildung ist ungleich verteilt. Dafür sorgt, besonders auch in Österreich, das Bildungssystem selbst. Kinder aus ArbeiterInnen- und Familien mit Migrationshintergrund sowie Frauen (etwas später) stoßen dadurch in ihren Aufstiegsbestrebungen an eine gläserne Decke. Obwohl sie vielleicht gleiches oder mehr leisten, werden ihre Leistungen in einer an den Bedürfnissen und Normen einer männlichen, weißen Mittelschichts- Bildungskultur systematisch unterbewertet. Dazu verfügen sie über schwächere soziale Netzwerke und können tendenziell weniger auf finanzielle und moralische Unterstützung aus ihren Familien zählen (Anm. einige Ausnahmen bei MigrantInnen). Sie müssen oft mehr nebenbei arbeiten, haben deswegen weniger Zeit zum
Studieren, brauchen deshalb länger für Abschlüsse bzw. können sich Engagement in unbezahlten politischen Intitiativen oder unbezahlte Praktika weniger leisten. Dadurch wiederum knüpfen sie weniger Kontakte usw. – der Teufelskreis schließt sich. Aber nicht nur Zeit und Geld sind das Problem. Sie mögen gewichtige Faktoren sein. Aber sie können nicht hinreichend erklären, warum nach kürzester Zeit die meisten alternativen Bildungsinitiativen nur noch aus Mittelschichtsstudierenden bestehen. Klar, sie sind im Bildungssystem von vorn herein überproportional repräsentiert, haben mit weniger Beschränkungen zu kämpfen. Dadurch etabliert sich in den meisten dieser Gruppen aber auch eine weisse oft männlich dominierte Mittelschichtskultur. So gehen Themen, Diskussionen, Problemstallungen oft weit an den
Interessensfeldern und Lebensrealitäten von Menschen aus sogenannten ‘bildungsfernen Schichten’ vorbei. Diese Problematik wird jedoch in den wenigsten Gruppen ernsthaft d.h. Mit entsprechenden
praktischen Konsequenzen diskutiert. Die Gruppen verstehen sich als frei und offen, sind jedoch de facto geschlossen und ausschließend organisiert.

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